Hast du schon geübt?

Ein ungutes Gefühl kommt in mir hoch, wenn ich diesen Satz lese.

Meine Mutter möchte, dass ich Klavier übe. Wenn ich dies nicht tue, wird es Sanktionen geben.

Seltsam. Damals, als ich mir meine Lieder noch selbst beibrachte, wurde ich nicht zum Üben aufgefordert. Seit ich Unterricht bekam, hatte sich das gravierend geändert.

Was ist es, was meine Stimmung heute noch so nach unten rauschen läßt, wenn ich an ÜBEN denke? Es ist dieser grausame Wechsel von etwas selbst tun wollen, bei mir also nach Gehör spielen,

und dann dasselbe nach Noten für andere tun müssen. Noten kann ich heute noch nicht sonderlich leiden. Noten lernte ich nicht als angenehme Hilfe kennen, wozu sie „von Natur aus“ ja auch gedacht sind, sondern als eine Maßnahme, um mich zu disziplinieren.

„Übe bitte nach Noten!“, rief mir meine Mutter aus dem Nebenzimmer zu.

Nach Noten zu üben war für mich ganz anders besetzt als die Art, wie ich Musik spielen wollte. Zwei verschiedene Welten, die sich hätten ergänzen können, aber von mir als Feinde erlebt wurden.

Hast du schon geübt? war für mich keine Frage, sondern eine Drohung. Lügen war zwecklos, meine Mutter hätte es eh bemerkt, sie hatte ein gutes Gehör. Manchmal gab es Prügel vom Vater, wenn ich bis zum Abend nicht geübt hatte. Was man sich damals in den 5oer Jahren nicht alles einfallen ließ, um Kinder für Musik zu begeistern!

Meine Mutter sang im Kirchenchor, stets mit einem Notenblatt in der Hand. Dabei konnte sie gar keine Noten lesen. Ich brauchte für meine Musik keine Noten, durfte aber nicht ohne Noten Musik machen. Wie konnte ich damals als Kind diese seltsame Erwachsenenwelt verstehen? Ich verstehe sie heute noch nicht.

Ich hatte damals einfach keine Lust, dass da ein Mann kommt, den ich gar nicht kenne, der nichts von sich erzählt, mir nicht sagt, ob er Kinder hat und ob er sie mag. Der mir ein Buch vor legt und mir sagt, dass ich ab heute jede Woche eine Seite daraus üben müsse. Ob mir die Stücke gefallen, hat er mich nie gefragt. Mir vorgespielt hat er auch nicht.

Oft war ich mit dem Notenspiel so beschäftigt, dass ich mir selbst gar nicht zuhören konnte. Üben nach Noten kann die Ohren blockieren. Das lernte ich später von der Hirnforschung. Ich habe dies damals schon als Kind erlebt. Das erklärt vielleicht auch zusätzlich das häufige Fragen von Kindern, ob sie schön und richtig gespielt hätten. Sie hören ihr eigenes Spiel gar nicht.

Üben ist oft nicht für den Spieler selbst, sondern für andere gedacht! Üben ist für die Zukunft. Kinder aber spielen nur in der Gegenwart.     

Kann das wirklich Sinn und Zweck von Musik machen sein? Oder gar von Musik erleben?

Wenn wir Kinder zwingen, nach Noten zu üben, bringen wir ihnen bei, dass es nicht wichtig ist Musik zu erleben, sondern die richtigen Noten zu spielen und dass es das primäre Ziel ist, die letzte Note eines Stückes möglichst ohne Fehler zu erreichen. Was hat das mit Musikmachen zu tun?

Warum sollte ich also plötzlich nach Noten üben , fragte ich mich damals als Kind.
Ich lernte schon immer alle meine Stücke nach Gehör. Ich sang Lieder, spielte sie auf der Mundharmonika und brachte sie mir mit viel Freude auf dem Klavier bei. Warum war das jetzt alles ganz anders? Warum spielten meine Lieder jetzt keine Rolle mehr, seit dieser Mann jeden Dienstag um 14 Uhr unser Wohnzimmer betrat, in Papas Lehnstuhl versank und meist schon nach wenigen Minuten eingeschlafen war?

Dann passierte eines Tages für mich etwas ganz schlimmes. Ich fragte meinen Klavierlehrer, ob er mir bitte helfen könne, ich möchte wissen, was ich als Begleitung für meine Lieder in der linken Hand spielen könne. „Deine Musik taugt nichts, da fehlen ja die Noten“.
Mir verschlägt es heute noch die Sprache, wenn ich an diesen Satz denke.

„Hast du schon geübt?“ Warum soll ich denn etwas üben, wenn es mich gar nicht interessiert?

„Mama, diesen Mann mag ich nicht“, sagte ich nicht nur einmal zu meiner Mutter. Keine Chance, ich musste dieses Übel weiterhin über mich ergehen lassen. Den Unterricht und das tägliche Üben.

Schließlich hatten ja meine Eltern das Klavier nicht umsonst gekauft.

Für wen hatten meine Eltern eigentlich das Klavier gekauft? Für mich oder für ihre Zwecke?

War es ein Geschenk für mich? Ich kann mich nicht erinnern, von meinen Eltern jemals das Klavier geschenkt bekommen zu haben. Es war wohl eher ein Auftrag an mich.

Es hat mir damals als Kind nicht gut getan, dass meine Eltern 5oo DM für ein Klavier ausgeben mußten. Wenn ich nicht übte, bekam ich oft eine für mich schmerzhafte Bemerkung zu hören.
Ich wurde dafür verantwortlich gemacht, dass meine Eltern so viel Geld für mich ausgeben „mussten“ und jetzt sei ich so undankbar und würde nicht einmal üben.

Ich sei es doch gewesen, der Klavier lernen wollte.
Moment mal. Das stimmt nicht. Ich wollte einfach auf meine Art und mit Freude Klavier spielen, nicht die Lust am Klavier spielen geklaut kriegen.

„Aber heute ist das doch nicht mehr so wie damals!“ Wirklich? Müssen Kinder heute nicht mehr üben? Dürfen sie mit dem Klavier spielen wie mit anderen Spielsachen auch?

“Aber Klavier ist doch kein Spielzeug”, sagte mir ein 9jähriges Mädchen. Warum eigentlich nicht? Es heißt doch Klavier „spielen“, also muß es doch auch etwas mit spielen zu tun haben.

Spielen ist doch das, was Kinder am besten können.

Es gibt also 2 Arten Klavier zu spielen. Die eine Art, wo man spielt und die andere wo man übt. Für Kinder ist das Üben vorgesehen. Von Erwachsenen für Kinder erdacht, nicht von Kindern. Kein Wunder, wenn heute Kinder sagen:

„Ich möchte gerne Klavier spielen, aber keinen Unterricht“.

Würden sich Kinder, wenn sie selbst über sich bestimmen dürften, auch das Üben wählen?

Für mich hatte meine Beschäftigung mit dem Klavier nichts mehr mit spielen zu tun, ab dem Zeitpunkt,wo ich Unterricht bekam und üben musste.

In dem Moment, wo Eltern ihre Kinder fragen, ob sie schon geübt hätten,

haben spielen durch das Wort üben ersetzt. „Hast du heute schon Lego geübt?“ Dies wurde ich nie von meiner Mutter gefragt, warum eigentlich nicht? Lego ist doch auch ein Spiel.

Wenn man das Wort „üben“ durch „spielen“ ersetzt, bedeutet dies etwas ganz anderes für ein Kind, weil es jetzt nicht mehr für sich spielt, sondern für die Eltern übt, oder für den Opa.

Du lachst? Ein Kind verplapperte sich einmal. Es nahm nur deshalb Klavierunterricht, weil seine Oma dafür bezahlte. Für 1 Jahr, dann hörte das Kind wieder auf, weil Oma nicht weiter  Taschengeld bezahlen wollte.

Wenn mich meine Mutter fragte, ob ich ihr beim Tisch decken helfen würde, machte ich das gern. Das machte Sinn für mich. Aber für meine Mutter Klavier üben, das verstand ich nicht.

Beim Klavier spielen, das ich mir selber beigebracht habe, hatte ich eine Beziehung zu den Tönen, die ich selbst gefunden und zu einem Lied geformt hatte. Genauso, wie Kinder eine Beziehung zu den Gebilden haben, die sie malen, wie Arno Stern es bei seinen Kindern im „Malort“ beschreibt.

Was macht es mit Kindern, wenn Erwachsene den Kindern diese Ton- oder Farbgebilde madig machen oder sie sogar als falsch bezeichnen? Wenn sie fragen: „Soll das eine Blume sein, was du da gemalt hast?“ Oder: „Was soll denn das für ein Lied sein, was du da gerade spielst?“

Warum muß denn Spielen oder Malen etwas Erkennbares darstellen? Warum fordern wir Kinder dazu auf, ihr Tun zu rechtfertigen? Warum fragt denn niemand den Herrn Picasso, was seine Gemälde darstellen sollen?

Wenn wir an einem Strand sitzen und mit den Füßen Spuren im Sand hinterlassen, müssen die dann auch etwas Erkennbares darstellen?

Kinder möchten nicht üben müssen, einfach deshalb, weil es für sie so etwas gar nicht gibt.

Kinder denken nicht an morgen, sie leben immer in der Gegenwart. Warum lassen wir sie nicht

im Augenblick spielen und leben? Etwas Besseres gibt es nicht, auch wenn wir Erwachsene das erst wieder lernen müssen, eben
spielen, statt üben.

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